„Das ist ein extremes Dasein, auf der Bühne zu stehen.“
(2012_12_01)
foto: Nikolaus Karlinsky
Angelika Kirchschlager erscheint am Morgen nach dem Konzert pünktlich zum vereinbarten Interview. Sie ist leger gekleidet, schaut mich sehr direkt und freundlich an und ähnelt der Diva, die wir von den Pressefotos kennen, kaum oder gar nicht. Sie ist morgens früh fast ohne Make-up immer noch eine schöne Frau, aber viel weniger auffallend. Vor allem macht sie den Eindruck, „down to earth“ zu sein, wie die New York Times über sie sagte, bodenständig.
Am 30. November 2012 gab Angelika Kirchschlager einen Liederabend im Muziekgebouw aan ’t IJ in Amsterdam (Besprechung folgt). Am Morgen nach dem Konzert hatte ich ein Interview mit ihr, das mit einigen kurzen Fragen begann.
Klangschönheit oder Expressivität?
Expressivität.
Manche Sänger lieben es wirklich, zu vokalisieren, also irgendwelche Übungen zu singen, mehr noch als Lieder zu studieren. Also: Lieder oder Vokalisen?
Die Lieder auf alle Fälle.
Vielleicht eine überflüssige Frage in Ihrem Fall, wenn auch nicht für alle Leser: Lied oder Oper?
Lied.
War das immer so? Ihre Karriere hat ja nicht so angefangen.
Natürlich hat es mit Oper begonnen, fast jede Karriere beginnt mit Oper. In Opera News kommt man eher mit der Oper und weniger mit dem Lied.
Aber die Liebe für das Lied war schon immer da.
Ja, ich hatte immer Lehrer, die mich Lieder singen ließen. Hinzu kommt, dass man in Wien – und vielleicht sogar in ganz Österreich – so nah an Schubert ist. Ich glaube, es ist für einen Italiener schwerer, an Schubert heranzukommen.
Text oder Musik?
Text. Es ist der Text, der war ja auch vor dem Lied da und war die Grundlage für die Komponisten.
Schubert oder Mahler?
Schubert.
Bei den Tempi hat man innerhalb eines bestimmten Rahmens immer die Wahl. Würden Sie das Tempo dann eher ein bisschen schneller oder ein bisschen langsamer nehmen?
Das ist schwer. (Nachdenklich): Lieber zu langsam als zu schnell. Wenn ich ein zu schnelles Tempo singe, kann ich das nicht mehr gutmachen. Aber ein zu langsames Tempo kann ich mit Emotion und Spannung füllen.
Und wenn es wirklich um die Wahl des Tempos als interpretatorische Entscheidung geht?
Das Tempo ist wahnsinnig wichtig. Jeder Sänger hat sein eigenes Tempo, seine Körperabläufe und Empfindungen, davon hängt das Tempo ab. Ich kann jetzt nicht sagen, ob langsam oder schnell besser ist, das kommt wirklich aufs Lied an.
Mögen Sie lieber ein Publikum, das Sie verehrt, aber vielleicht nicht so viel Ahnung hat, oder ein Publikum mit viel Wissen, das aber ziemlich kritisch ist?
Mein liebstes Publikum ist das, (denkt nach), das offen zuhört. Es wäre natürlich schön, wenn auch Leute, die viel wissen, noch offen zuhören können. Womit ich gar nichts anfangen kann, ist ein wissendes Publikum, und dann noch kritisch dazu! Ist auch gut kritisch, aber!
Voreingenommen vielleicht?
Es gibt welche im Publikum, die wissen es besser als ich, und diese Besserwisser mag ich gar nicht. Ich liebe wissendes Publikum. Ich finde es wunderbar, wenn Leute viel über Schubert, Musik im Allgemeinen oder Textgestaltung wissen. Es ist aber immer schade, wenn einem das Wissen im Weg steht, um sich einfach zu öffnen und sich darauf einzulassen. Diese Menschen berauben sich nur selbst einer Sache. Es gibt aber auch genug andere. Ich habe im Juni eine Tour durch Österreich gemacht und bei dem Publikum waren die meisten noch nie bei einem Liederabend! Es war für mich eine unglaubliche Erfahrung, dass sie einfach zugehört haben. Ich bin jemand, der auf die Menschen zugeht, und ich möchte etwas geben. Singen ist nur ein Mittel, um etwas zu vermitteln. Es geht nicht um den Gesang und darum, was richtig und was falsch ist. Das Wichtigste ist, dass die Botschaft ankommt. Das war jetzt eine lange Antwort auf die kurze Frage. Aber es ist wichtig (ganz leicht ironisch), es muss gesagt werden.
Noch eine Frage zum Publikum: Hier in Holland gibt es immer weniger Leute, die Deutsch verstehen, in England und in den USA noch weniger. Das Publikum in deutschsprachigen Ländern hat es da leicht, das versteht viel mehr von dem, was gesungen wird. Dann gibt es auch noch die Leute, die die ganze Zeit ins Textbüchlein hereinschauen. Wie stehen Sie zu alledem?
Nun ja, optimal ist es natürlich, wenn das Publikum die Sprache spricht, in der ich singe, und wenn ich so deutlich singe, dass sie nicht ins Programm schauen müssen und sowohl akustisch als auch optisch dabei sein können. Ich versuche aber auch für fremdsprachiges Publikum, so deutlich zu singen, dass der Inhalt klar wird und man auch ohne die Worte versteht, was passiert. Das ist jetzt eine Herausforderung, dass es auch ankommt, ohne dass die Menschen vielleicht von der Verbindung von Worten und Musik getroffen sind. Da bin ich auch noch am Experimentieren.
Ich glaube, dass Menschen im Publikum gerne Menschen auf der Bühne sehen, die lebendig sind oder sich zeigen. Und dann ist es, glaube ich, spannend, wenn man einen Menschen sieht, der etwas tut, der sich öffnet und zeigt, einfach so. So wie im Zirkus. Das ist ein extremes Dasein, auf der Bühne zu stehen , das ist im Grunde völlig verrückt. Dass sich einer hinstellt und da schauen einen dann siebenhundert oder mehr Menschen anschauen. Die sitzen unten und schauen auf *einen* Menschen, der entweder singt oder Kunststücke macht, aber immer etwas tut, was auch schiefgehen kann. In der Oper ist es dann auch noch eine körperliche Verausgabung, wenn man so hohe Töne singt, vor allem bei den Tenören. Diese Töne kann man nur singen unter kompletter Selbstaufgabe. Das ist an sich ein sehr intimer Vorgang, das in aller Öffentlichkeit zu tun, reißt die Leute mit, glaube ich. So ist es beim Liedsingen oder beim Schauspielern.
Haben Sie das Gefühl, Sie stellen sich da selbst dar, oder sind Sie das Mädchen beim Nussbaum?
Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, ich habe da eine Distanz entwickelt.
Und wie ist es bei der Interpretation? Wenn Sie sich die Partitur anschauen oder den Text lesen?
Ja, natürlich! Ich muss diese Emotionen eigentlich auch vorher empfinden können, um sie dann weiterzugeben. Es ist einfach interessant, das aus diesen Liedern herauszulesen. Ich versuche zu verstehen, was der Komponist wollte. Ich muss ohnehin das umsetzen, was der Komponist wollte, und versuchen, das möglichst gut in mir selbst zu finden. Oft verstehe ich nicht sofort, warum der Komponist es so gemacht hat.
Deswegen mag ich Lieder auch so gerne, weil ein genialer Komponist ein geniales Gedicht nimmt und es interpretiert. Ich versuche zu verstehen, wie der Komponist dieses Gedicht interpretiert hat. Ich habe einen Abend gemacht, an dem ich gleiche Texte von lauter verschiedenen Komponisten gesungen habe. „Der König von Thule” zum Beispiel: Es ist unfassbar, wenn man Schubert und Liszt vergleicht, dazwischen liegen Welten.
Fangen Sie mit dem Text an?
Ja, ich lese den Text und spiele das Lied dann einmal durch und denke darüber nach.
Sie denken also: Warum steht hier eine Viertelnote, hier eine Pause usw.
Ja, genau, das ist ganz wichtig. Es ist auch wichtig, die Noten ganz genau zu lesen. Ich mache immer alles genau so, wie es drinsteht, weil sich meistens herausstellt, dass der Komponist viel genialer ist als ich. Der hat viel bessere Ideen.
Ja, es gibt viele Stellen, an denen selbst die bekanntesten Sänger andere Noten singen, als da stehen. Wenn man genau hinschaut, sieht man zum Beispiel einen Punkt auf einer Note, der eine Betonung bedeutet wie ein Ausrufezeichen.
Der Komponist ist da wie ein Regisseur. Das ist eigentlich das Spannendste an der ganzen Sache. Dadurch lerne ich auch so viel. Da denke ich: „Aha, das habe ich bei mir noch gar nicht so empfunden.“
Wie ist es bei Ihrer Zusammenarbeit mit Pianisten? Die haben ja oft auch ihre eigene Meinung, die vielleicht nicht mit Ihrer übereinstimmt.
Ja, ich diskutiere oft und je länger ich singe und je mehr Erfahrung ich habe, desto sturer werde ich. Ich gebe meine Meinung nur ungern auf. Aber ich habe Gott sei Dank fantastische Begleiter wie Helmut Deutsch oder Julius Drake, die sich dann auch gegen mich aufstellen. Sonst überfahre ich die wahrscheinlich. Sie kennen mich gut genug, um mich zu überzeugen. Da habe ich schon sehr viel gelernt. Wie im Leben muss man auch über Dinge reden und gewisse Dinge aussprechen, um eine Lösung zu finden. Man muss auch mal Kompromisse machen. Es ist eigentlich ein Workshop, wir lernen die ganze Zeit voneinander.
Eine Pianistin hat mir mal gesagt: „Wenn ein Sänger das Tempo vom Pianisten bestimmen lässt, hat er eigentlich schon verloren.“
Man muss so lange reden, bis alle es wirklich akzeptieren. Solange das nicht der Fall ist, wird es auch nicht funktionieren. Dann spielt der Pianist vielleicht ein bisschen schneller, aber er spürt es nicht. Es gibt Lieder, bei denen ich mit Helmut Deutsch jedes Mal anfange zu diskutieren. Ich habe jedoch gelernt, dass manche Lieder langsamer einfach besser sind und man sie ausdehnen muss. Mit dem Tempo muss es also wirklich stimmen. Das ist Körpersache, wie der Atem fließt. Wenn das Tempo nicht stimmt, kann der Atem nicht fließen.
Jetzt, wo wir von der Atmung sprechen: Machen Sie jeden Tag Atemübungen?
Nein, ich übe eigentlich überhaupt nicht, ha ha.
Das mögen Sie nicht?
Nein, ich bin überhaupt keine Überin. Ja, wenn ich irrsinnig viel Zeit hätte, dann würde ich vielleicht schon üben. Es gibt auch wichtigere Dinge im Leben.
Es gibt ja Sänger, die jeden Tag zwei, drei Stunden üben.
Na ja, ich sage damit nicht, dass Üben schadet. Es täte mir wahrscheinlich auch gut, wenn ich jeden Tag zwei Stunden übe. Aber ich bin auch einfach zu müde.
Vielleicht brauchen Sie es auch einfach nicht.
Nun ja, ich glaube, ich könnte manche Dinge besser singen, wenn ich bei jedem Ton genau wüsste, was ich tue. Ich achte nur darauf, dass die Grundeinstellung meines Körpers stimmt, dass der Sitz ungefähr da ist, wo er sein sollte, und dann singe ich damit. Aber natürlich ist es nicht so ausgefeilt. Ich könnte mich jetzt hinstellen und diesen Abend von gestern ganz genau durcharbeiten, Note für Note. Dafür bräuchte ich sehr viel Zeit, und die habe ich einfach nicht. Vielleicht tut man das, wenn man keine Familie hat oder wenn einem das Singen wirklich das Allerwichtigste auf der Welt ist. Wenn man Koloratursopran ist oder extreme Partien singt, macht man das vielleicht, aber ich bin ja zum Glück Mezzosopran, hahaha. Ich singe wahnsinnig oft und muss mich bei jedem Konzert einstudieren. Das dauert bei mir auch lange.
Das machen Sie also schon.
Ich brauche ein bis zwei Stunden, bis ich wirklich eingesungen bin. Und je älter ich werde, desto weniger will sich der Körper aufraffen. Es dauert also einfach lange, bis mein Körper so stark ist, dass er wirklich funktionieren kann.
Und benutzen Sie Vokalisen?
Mit Vokalisen kann ich nicht so viel anfangen. Ich habe kein eigenes Buch dafür und benutze auch kein bestimmtes Ritual. Ich mache drei kleine Übungen und dann singe ich meine Lieder. Ich singe die Lieder in Zeitlupe, einzelne Phrasen ganz langsam, und versuche, sie zu positionieren. Das ist ja auch Üben.
Gundula Janowitz hat mal während eines Meisterkurses bei der Schubertiade gesagt, man sollte nie mehr als 80 % des Volumens geben. Wie stehen Sie dazu? Bei Ihnen ist der Ton ja immer sehr schön, auch beim Fortissimo.
Ich weiß nicht, ob Frau Janowitz das wegen der Klangschönheit gesagt hat. Ich glaube, das ist eher eine Frage der Auffassung, wie man damit umgeht und sich präsentiert. Frau Janowitz ist natürlich noch aus einer Generation – diese Schwarzkopf-, Ludwig-, Janowitz-Generation –, das war auch noch ein anderes Singen. Die haben fantastisch gesungen, die haben sicher jeden Tag geübt!
Aber mehr beherrscht?
Sehr beherrscht, so wie die Mode damals auch war: alles schön, die Damen hatten diese schönen Frisuren, man hatte diese netten Kleider an. Das hat sich einfach alles geändert. Das hat jetzt gar nichts mit besser oder schlechter zu tun, sondern es ist einfach anders. Dieses nicht mehr als 80 % geben hat sicher auch mit Stimmhygiene zu tun, dass man sich sozusagen nicht verausgabt und noch eine Reserve hat. Das könnte ich nicht. Gestern habe ich sicher 120 % gegeben und zum Schluss ist mir dann auch die Energie total ausgegangen, weil ich einen Monat so wahnsinnig viel gesungen habe.
Wie hat Ihnen der Saal gefallen?
Ich finde ihn wahnsinnig angenehm. Für mich ist es ja auch wichtig, wohin ich schaue. Es macht einen Unterschied, ob ich in ein schwarzes Loch starre oder ob die Wände hinten beleuchtet sind. Das ist für mich auch sehr schön.
Schöner als der Kleine Saal im Concertgebouw?
Es ist lange her, dass ich im Kleinen Saal gesungen habe. Das ist ganz anders. Ich kann mich auch an die Akustik gar nicht mehr erinnern. Aber es ist anders, man hat mehr Kontakt mit dem Publikum im kleinen Saal. Ganz allgemein brauche ich das auch immer, ich muss die Leute sehen.
Schauen Sie sich die Leute an? Auch die einzelnen Leute?
Also nicht die einzelnen Leute, ich sehe einzelne natürlich, aber meistens, wenn sie irgendwie auf sich aufmerksam machen, weil sie filmen und die Lampe blinkt, oder weil sie husten oder weil sie, ich weiß nicht, was sie machen. Aber ich brauche den Kontakt. Ich erzähle schon Geschichten bei meinen Liederabenden.
Wie haben Sie das Konzert empfunden?
Beim gestrigen Konzert bin ich viele Phasen durchlaufen, weil ich eigentlich sehr erschöpft war und mich nach Amsterdam geschleppt habe. Dann habe ich mich aber auf den Saal gefreut, ich mochte die Akustik und den Saal sehr gerne. Bei der Probe für das Konzert ging es eigentlich sehr gut, dann ging es eigentlich sehr gut, da dachte ich, aha, es geht ja doch, und dann kam das Konzert und ich bekam Schleim auf der Stimme, aber energetisch ist es sehr gut gelaufen in der ersten Hälfte. In der zweiten Hälfte kam dann ein Energieeinbruch, weil ich einfach schon mehr als 100 % gegeben hatte. Da habe ich mir das nicht gut eingeteilt. Weil es so viel Spaß gemacht hat, habe ich einfach voll hineingehauen. In der zweiten Hälfte habe ich dann mit siebzig oder achtzig Prozent gesungen, weil ich dachte, sonst falle ich um.
Waren Sie so müde?
Ja, mir war nachher wirklich übel. Das kommt oft vor bei mir, ich bräuchte mal richtig Urlaub. Singen ist ja anstrengend, für mich wahnsinnig anstrengend.
Merkwürdig, was Sie über das Konzert sagen, denn mir ging es genau umgekehrt. Ich empfand die erste Hälfte als ein wenig unruhig und die zweite Hälfte gefiel mir wesentlich besser.
Der Eindruck, den man selbst vom Konzert hat, muss überhaupt nicht mit dem Eindruck anderer übereinstimmen. Das bestätigen mir auch viele Kollegen. Oft ist es so, dass bei Opernarien, bei denen man denkt: „Also da war ich wirklich fantastisch“, gar nichts rübergekommen ist. Oft sind Konzerte, bei denen man sich schlecht fühlt, unterm Strich besser als die, von denen man glaubt, sie seien ganz gut. Man darf halt nicht übermütig werden, man muss immer bescheiden bleiben und den Bogen nicht überspannen.
Die Aussage bezüglich der Bescheidenheit wundert mich, denn Sie sind ja überhaupt keine Diva.
Nein, aber ich (zögert kurz) … versuche das auch wirklich zu beherzigen. Es fällt mir jetzt nicht besonders schwer, die Dinge leichter zu nehmen. Aber ich übe die Wahrhaftigkeit schon in meiner Interpretation. Es ist gar nicht so leicht, sich da selbst nichts vorzumachen. Es gibt schon so Routineinterpretationen, wenn man ein Lied ganz oft gesungen hat. Aber ich versuche immer noch wahrhaftiger zu werden. Wie ein Schauspieler, so wahrhaftig. Ich muss so wahrhaftig sein, dass die Leute überhaupt nicht mehr merken, dass ich ein Lied singe.
Dass sie so mitgenommen sind von der Geschichte …
Ja, genau. Sie sollen so mitgerissen sein, dass es wie in einem Schauspielstück ist.
In der Oper haben Sie oft Hosenrollen gesungen, bei Liedern machen Sie das eher selten. Barbara Bonney zum Beispiel hat einfach die „Dichterliebe” gesungen. Wie stehen Sie dazu?
Ich mache jetzt auch die Winterreise. Das ist mein Projekt für 2014. [DdM 2026: Wegen Krankheit hat sich das dann um einige Jahre verzögert.]
Es ist auch ein bisschen anders als die Dichterliebe, weil es oft nicht explizit geschlechtsspezifisch ist.
Helmut Deutsch hat gestern noch darüber geredet, weil er mich begleiten will. Ich habe es mir zwar noch nicht so gut angeschaut, aber eigentlich geht es erst in den ersten vier Liedern um Geschlechterspezifisches. Danach löst sich das immer mehr auf, sodass man sagen kann, es könnte auch ein Junge sein. Im Grunde geht es in der Winterreise um menschliche Dinge, und diese Empfindungen haben Frauen ja genauso, deswegen können sie sich angesprochen fühlen. Das war früher total üblich, 1920 oder 1930 war es total normal.
Danach hat sich vieles geändert.
Ich weiß nicht, was dann passiert ist, ich bin kein Musikwissenschaftler. Dann wurde alles so, dann kam der Liederabend auch plötzlich. Früher haben alle mit Notenständer gesungen, quer durch, und dann hat es noch ein Quartett dazwischen gegeben. Es gibt Programme, da haben sie jeden Tag ein anderes Liedabendprogramm gesungen. Das geht natürlich nur, wenn man mit Noten singt. Das war noch so lebendig und ins Leben integriert. Und dann kam dieses heilige … dieses Messias-Ding. Jeder denkt ernsthaft, er hätte die Weisheit gepachtet.
Fing das mit Dietrich Fischer-Dieskau an?
Oder auch schon vorher, glaube ich. Das ist so eine Kultur geworden, in der es einen Gott gab, der alles richtig gemacht hat, das Maß aller Dinge. Fischer-Dieskau war auch wunderbar, natürlich dieses Heer, natürlich war alles sehr durchdacht, und jedes Wort wurde interpretiert. Ich verehre ihn wirklich sehr, das darf man überhaupt nicht falsch verstehen. Und das war nicht nur er, sondern es gab auch noch ganz andere. Diese Art, mit Liedern umzugehen, hat aber sicher wieder etwas von dieser Spontanität weggenommen. Jetzt singen auch Frauen die Winterreise.
Noch einmal zu Ihrer Stimme: Die klingt immer schön, egal, was Sie machen. Das muss zu einem großen Teil zusammenhängen mit Ihrer Resonanz, also dem Teil Ihrer Stimme, der von den Genen vorgegeben ist. Andererseits sagt Peter Schreier: „Man muss den Mut haben, auch hässliche Töne zu machen.“ Wie sehen Sie das?
Ja, vielleicht hat er recht. Mir ist es gar nicht wichtig, ob die Stimme jetzt schön oder hässlich klingt. Ich bin die Letzte, die einen schönen Klang haben will. Ich habe auch schon viele Dinge in der Oper geopfert. Ich muss den Ton nur richtig singen, das heißt, ich muss ihn richtig positionieren. Sonst tut mir auch die Stimme weh, und das versuche ich natürlich zu vermeiden. Ich kann Töne auch flüstern oder hauchen und arbeite sehr mit der Sprache, auch mit der Aussprache. Meine Stimme kann ich jedoch nicht ändern. Ich unterrichte jetzt seit vier Jahren in Meisterkursen und die meisten jungen Sänger versuchen am Anfang immer, einen Ton zu erzeugen. Die wollen schön klingen. Das war bei mir genauso. Zuerst habe ich so gesungen (macht leichten, heiseren Sopranton, wie eine Kinderstimme) und nach einem halben Jahr habe ich so gesungen (macht sehr schweren Alt-Ton). Samson et Dalila, „Mon coeur souffre à ta voix”, und Carmen. Das war natürlich ein völlig falscher Weg, aber das habe ich mir nicht ausgesucht, sondern mein Lehrer damals. Aber ich habe auch immer Lieder gesungen. Im Laufe meines Studiums habe ich mich dann zu Cherubino entwickelt, weil die Stimme immer schlanker wurde. Das ist, würde ich sagen, entspannt und bequem.
Das hat sich so ergeben, dass haben sie nicht bewusst gewählt, aber …
Nein, es meinen meinen Körper, meine Resonanzräume und meine Stimmbänder, und die Technik ist im Grunde ja immer die gleiche. Jeder, der singt, hat die Position oben, und die Farbe kommt von unten. Was die Muskeln daraus machen und wie diese Stimme dann klingt, hat auch wahnsinnig viel mit der Persönlichkeit zu tun. Man kann mit mehr Drive singen oder sich sehr hängen lassen. Wenn die Stimme metallisch klingt, hat das ganz viel mit der Muskeleinstellung zu tun, die sich wiederum aus der Befindlichkeit ergibt.
Ich habe oft gehört, dass meine Stimme schön klingt. Nun ja, vielleicht habe ich Glück, dass sie schön klingt, aber ich finde, das ist gar nicht wichtig. Nun ja, es ist nicht hinderlich, um wirklich Ausdruck zu machen, etwas zu sagen. Es ist ein Sprachrohr, durch das die Emotionen gehen und sich äußern. Und das macht jeder mit seiner Stimme.
Ich bin überzeugt, dass die Botschaft genauso ankommt, wenn die Stimme nicht so schön ist. Ich habe zum Beispiel eine Winterreise mit dem alten Patzak gehört, wo der Jörg Demuss spielt. Da war er alt, mit dem Wiener Slang. Da singt der alte Mann fast ohne Stütze, fast gesprochen, aber es ist etwas, das mich total trifft. Ich brauche das schöne Singen überhaupt nicht. Ich finde, ich muss bei mir manchmal aufpassen. Gestern habe ich mit mehr Fokus gesungen, aber es gab auch eine Zeit, in der ich das Singen manchmal vergessen habe. Ich dachte, ich muss schon noch singen, sonst ist es ein Schubert-Rezitativ. Da bin ich wieder zu sehr in die andere Richtung gegangen. Vor zwei Jahren habe ich einen Liederabend im Wiener Konzerthaus gesungen und Brahms gesungen. Danach habe ich gedacht, dass ich einfach mehr singen muss, denn ich bin keine Schauspielerin.
Am liebsten wäre ich nämlich eine Schauspielerin. Es wäre mir viel lieber, wenn ich nicht singen müsste, ha, ha, ha. Das Leben wäre einfach viel leichter, weil diese körperliche Anstrengung … Es ist mein Mittel, mich auszudrücken. Es hält mich auch bei der Disziplin. Wenn ich Schauspielerin wäre, wäre ich schon längst versackt. Ich lebe so gerne, aber beim Singen muss man sich einfach unter Kontrolle halten, Disziplin zeigen, genug schlafen, nicht zu viel trinken und nicht zu viel rauchen. Ein Schauspieler kann auch mit heiserer Stimme sprechen. Diese körperliche Disziplin geht mir manchmal schon sehr auf die Nerven. Obwohl … Ich habe auch schon einen Rosenkavalier gesungen – ich sage jetzt nicht wann und wo – bei dem ich die ganze Nacht unterwegs war und morgens um acht in der Früh nach Hause gekommen bin. Das ist aber schon viele Jahre her. Ich bin um acht nach Hause gekommen, habe mich dann ins Bett gelegt und die Vorstellung hat um sechs begonnen. Da habe ich echt geglaubt, ich sterbe, und das war eine meiner besten Vorstellungen.